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Die Orthodoxe Kirche des Berges Sinai

Von Michael J.L. La Civita

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Nur wenige Denkmäler aus der frühchristlichen Ära sind uns unverändert oder unversehrt erhalten geblieben. Bevölkerungsverschiebungen und der Untergang von Kulturen, veränderte Prioritäten und Werte sowie natürliche und vom Menschen verursachte Katastrophen haben ihre Spuren hinterlassen, sodass nur schwache Eindrücke von einer dynamischen Zeit voller geistlicher und sozialer Spannungen und Konflikte zurückgeblieben sind.

Doch in der trockenen und felsigen Wüste der südlichen Sinai-Halbinsel ist eine lebendige Verbindung zu den byzantinischen Kaisern, den Pilgern des 4. Jahrhunderts, den christlichen Eremiten des 3. Jahrhunderts und Moses erhalten geblieben. Das Kloster der heiligen Katharina von Alexandrien — die kleinste autonome Kirche in der orthodoxen Welt — ist ein bedeutender Aufbewahrungsort des kulturellen und geistlichen Erbes der Alten Kirche.

Hinter ihren Mauern aus dem 6. Jahrhundert beherbergen eine Basilika und eine Schatzkammer Tausende seltener Handschriften, Kodizes, Ikonen und liturgische Gegenstände. Seit fast 1700 Jahren haben die Mönche des Katharinenklosters diese kostbaren Überbleibsel und Reliquien verehrt und bewacht, von denen viele in die Zeit der Kirchenväter zurückdatieren. Doch in den letzten paar Jahrzehnten haben die Mönche auf dem Sinai diese Schätze mit anderen geteilt, indem sie Pergamente und bemaltes Holz an Museen in der ganzen Welt ausgeliehen haben. Rekordmengen von Besuchern, die sogar die Experten überraschten, haben darauf reagiert. Das Katharinenkloster, das nicht länger eine in der Zeit und im Wüstensand isolierte Oase ist, wird zunehmend zum Zentrum eines erneuerten Interesses am christlichen Osten.

Der brennende Dornbusch. Die ägyptische Stadt Alexandria entwickelte sich zum Hauptzentrum der Wissenschaft und Theologie in der Alten Kirche. Die in der christlichen Welt unangefochtene katechetische Schule von Alexandria (um 180 n. Chr. gegründet) bot Studien in Mathematik, Philosophie und Naturwissenschaft an und wurde von solch einflussreichen Denkern wie dem hl. Clemens von Alexandria und Origenes geleitet.

Die Kirche von Alexandria war nicht bloß ein städtisches Phänomen, das auf die Gebildeten begrenzt geblieben wäre. Die riesige Wüste von Ägypten zog Tausende Menschen an, die darauf bedacht waren, die Ablenkungen der Stadt hinter sich zu lassen und ein einsames Leben des Gebets, der Buße und des Wartens auf die Verheißung der Wiederkunft Christi zu führen.

Vom 3. Jahrhundert an siedelten sich christliche Eremiten in Höhlen am Fuße eines Berges in der Nähe der Südspitze einer Halbinsel an, die heute Sinai heißt. Dort lebten sie in der Nähe der Stätte, von der sie glaubten, dass Moses dort dem Herrn im brennenden Dornbusch begegnet sei und die steinernen Gesetzestafeln empfangen habe. Vom frühen 4. Jahrhundert an hießen diese Mönche so erlauchte Pilger wie Helena (gestorben um 330), die Mutter des römischen Kaisers Konstantin des Großen, willkommen. Helena reiste von Rom zum Sinai, nach Jerusalem und Bethlehem, um „an dem Ort anzubeten, wo seine [Jesu] Füße gestanden haben“, schrieb Eusebius von Cäsarea, der Biograph und Zeitgenosse Konstantins.



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