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der Ostkirchen

Die orthodoxe Kirche von Polen

Von Michael J.L. La Civita

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Der Erste Weltkrieg veränderte die europäische Landkarte von Grund auf. Das Österreichisch-Ungarische, Deutsche und Russische Reich lösten sich auf. Und aus dem Blutbad gingen neue Nationalstaaten hervor, deren Völker den Wunsch nach Selbstbestimmung hegten: Die Tschechoslowakei, Estland, Lettland, Litauen und Polen.

Das Nachkriegs-Polen, das von den siegreichen Alliierten als östliches Bollwerk gegen das bolschewistische Russland geschaffen worden war, versuchte die Position des polnisch-litauischen Vielvölkerstaates einzunehmen, der bis zu seiner Aufspaltung durch Österreich, Preußen und Russland im späten 18. Jahrhundert das östliche Zentraleuropa dominiert hatte.

Das auferstandene Polen verleibte sich riesige Landgebiete ein und herrschte nun über Millionen ethnischer Weißrussen, Tschechen, Deutschen, Juden, Russen, Rusinen und Ukrainer — insgesamt ein Drittel der 30 Millionen Einwohner des neuen Landes. Knapp fünf Millionen dieser neuen polnischen Bürger bekannten sich zum orthodoxen Christentum, einem Glauben, der lange Zeit mit dem Nachbarn und Feind Polens, Russland, identifiziert worden war.

Die orthodoxen Patriarchate von Konstantinopel und Moskau bestätigten, nicht ohne einen eigenen Anteil an der vorausgegangenen Kontroverse, 1938 die Autokephalie, oder Unabhängigkeit einer neu organisierten orthodoxen Kirche von Polen. Auch der Staat erkannte die Kirche an.

Doch die zunehmend nationalistische Regierung Polens bezweifelte die Loyalität der orthodoxen Bürger Polens und zwang sie zur lateinischen (römischen) Kirche überzutreten. Trotz der Protesterklärungen seitens des ukrainischen griechisch-katholischen Metropoliten von Lviv, Andrej Scheptitskij (gestorben 1944), verschlossen Gemeindeverwaltungen orthodoxe und griechisch-katholische Heiligtümer, überantworteten einige den römisch-katholi-schen Autoritäten und machten andere dem Erdboden gleich.

Der Hitler-Stalin-Pakt vom Herbst 1939, der Polen von der Landkarte strich, setzte diese Feindseligkeiten vorübergehend aus. Die in dieser Hinsicht der Geschichte der polnischen Nation nicht unähnlichen Chroniken der orthodoxen Kirche von Polen offenbaren die Kämpfe einer Glaubensgemeinschaft, die zwischen dem lateinischen Westen und dem russischen Osten stand.

Die Entstehung des Konflikts. Als endemische Reibereien lassen sich die historischen Beziehungen zwischen Polen und Russland am besten kennzeichnen. Obwohl Polen und Russen dieselben slawischen Wurzeln haben, entwickelten die beiden radikal unterschiedliche — und bisweilen diametral entgegengesetzte — Orientierungen.



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