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Die orthodoxe Kirche von Albanien

Von Michael J.L. La Civita

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Die Schaffung einer unabhängigen orthodoxen Kirche von Albanien begann nicht in jenem eher unbekannten Balkanstaat, sondern in Boston (Massachusetts). Dort gründete die albano-amerikanische Gemeinde im Jahre 1908, frei von den Zwängen der osmani-schen Unterdrückung und der griechischen Dominanz, eine unabhängige, ethnische albani-sche Kirche mit byzantinischem Ethos und or-thodoxem Glauben. Vier Jahre später – nachdem ein albanischer Rumpfstaat aus den Bal-kanprovinzen des Osmanischen Reiches he-rausgeschnitten worden war – wurden im Mut-terland lebhafte Diskussionen bezüglich der Errichtung einer unabhängigen orthodoxen Kirche von Albanien geführt.

Seit ihrer Gründung vor einem Jahrhundert hat diese Glaubensgemeinschaft schwer gelitten, insbesondere während der marxistischen Diktatur unter Enver Hoxha. 1967 erklärte Hoxha Albanien zum ersten atheistischen Staat der Welt und richtete sich damit gleichermaßen gegen die katholischen, orthodoxen und muslimischen Glaubensgemeinschaften des Landes. Er ließ alle orthodoxen Bischöfe und Kleriker ins Gefängnis werfen, eine unbekannte Anzahl von ihnen wurde ermordet. Seine Handlanger schlossen Klöster und rissen Hunderte von Kirchen ab; die verbliebenen Kultstätten wandelten sie in Kinos, Klubs, Turnhallen und Ställe um. Hoxhas Kampagne entvölkerte die orthodoxe Kirche. Nach seinem Tod im Jahre 1985 und dem anschließenden Zusammen-bruch der marxistischen Regierung sechs Jahre später reiste ein Repräsentant des orthodoxen Ökumenischen Patriarchen von Konstanti-nopel durch das Land – nur 15 Kleriker und eine Handvoll Laien waren übriggeblieben, um ihn über die Lage der Kirche informieren zu können.

Orthodoxe Christen stellten einst rund 20 Prozent der Bevölkerung Albaniens; die meisten davon waren „Tosken“. Dieser Sammelbegriff bezeichnet einige albanische Stämme, die in der Südhälfte des Landes lebten. Römische Katholiken, die hauptsächlich unter den „Ghegs“ im Norden vorkamen, stellten etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Muslime waren in diesen beiden Hauptgruppen dominant, und sie waren allesamt Nachkommen katholischer oder orthodoxer Volksstämme, die den Islam nach der osmanischen Unterwerfung des Balkans im 15. Jahrhundert angenommen hatten. Gegenwärtig sind die meisten Albaner, wenn-gleich sie sich der kulturellen, religiösen und stammesgebundenen Identitäten ihrer Vor-fahren bewusst sind, konfessionslos. Etwa ein Drittel der 3,6 Millionen Einwohner Albaniens bezeichnen sich als Gläubige. Muslime, die überwiegend Sunniten oder Bektaschi, Angehörige eines heterodoxen Sufi-Ordens, sind, dominieren die religiöse Landschaft, gefolgt von orthodoxen und katholischen Christen.



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Tags: Cultural Identity Church history Albania Balkans